Yes, we camp!
Über Schranken im Kopf

Als wir vor wenigen Wochen von Dänemark nach Süden gefahren sind, haben wir eine lange Pause auf einer Autobahnraste gemacht. Dort ist mir eine Gruppe von etwa 9 Menschen aufgefallen, die mit zwei PKW mit rumänischen Kennzeichen unterwegs waren. Ihre Autos waren komplett zugepflastert mit Wäsche, die zum Trocknen ausgelegt war und auf der Bank davor saßen die Frauen und kochten. Später haben sie umgeparkt und standen dann neben unserem Sprinter. Bei Beginn der Dämmerung haben sie angefangen 5 Iglu-Zelte auf der Wiese neben der Restaurant-Terrasse aufzubauen. Zwei der Zelte waren mit einer großen Plane überspannt.

Als ich das so gesehen habe, hab ich mir gedacht, dass ich noch Einiges lernen muss. Auch wenn ich inzwischen schon entspannter geworden bin, vorhandenen Raum anders zu nutzen, als es irgend jemand sich so ausgedacht hat, so würde ich mich bei einer solchen Aktion noch immer befangen fühlen. Aber … Übung macht den Meister.

In dem Teil der Welt, den ich bisher so kenne, klebt an jedem Raum ein unsichtbarer Zettel, was genau man dort machen soll. Auf der Straße wird gefahren und gegangen, im Einkaufszentrum eingekauft, im Büro gearbeitet, im Esszimmer gegessen und im Wohnzimmer geglotzt. Im Park wird gesessen, gelegen und gespielt, gegrillt und spazieren gegangen, in der Schule wird rumgesessen und das Innere eines Kreisverkehrs betreten nur die Gärtner. Am Strand darf man baden und rumliegen und spielen, aber nicht parken und Hunde sind auch verboten.

Und wenn jemand etwas Anderes dort macht, dann ist das auffällig. Vielleicht wird man schräg angeschaut oder es wird gedroht. Aber ich denke, in ganz vielen Fällen sind die Schranken im Kopf und nicht da draußen. Wir sind jetzt seit über 4 Monaten unterwegs und haben oft irgendwo übernachtet, wo es wohl nicht erlaubt ist. Aber wir sind nur einmal gestört worden – und das war in Graz, ganz am Anfang unserer Reise. Wir wollten auf dem Parkplatz eines Camping-Ausstatters parken, bei dem wir einen Schlafsack bestellt haben, um diesen am nächsten Morgen abzuholen. Und wir haben den falschen Parkplatz erwischt. Der arme Mann von der Oldtimer-Werkstatt sah sich tatsächlich genötigt, mit einem großen Schraubenschlüssel in der Hand lautstark mit der Polizei zu drohen, wenn wir nicht augenblicklich diesen einen seiner wertvollen Parkplätze räumen würden. Immerhin: In Österreich kann einem in einem solchen Fall eine Besitzstörungsklage drohen – gleich mit Gericht und den entsprechenden Kosten und dem entsprechendem Aufwand. Also dann lieber ein schimpfender Mechaniker, als ein cooler Typ, der das Kennzeichen seinem Anwalt durchgibt und dann freundlich an die Scheibe klopft. Aber, was ich sagen wollte: das war der einzige Ärger bisher und der auch völlig ohne negative Folgen.

Letzte Nacht haben wir neben oben abgebildeten Schild geparkt – an einem kleinen Stausee ganz im Westen der Pyrenäen – und als ich heute früh aufwache und aus dem Fenster schaue, fährt ein Streifenwagen unweit von unserem Auto entfernt über die Wiese. So schnell bin ich schon lange nicht mehr auf den Beinen und in meinen Klamotten gewesen. Aber: Völlig unnötig. Die Beamten haben eine kleine Runde am Ufer entlang gedreht und sind wieder gefahren.

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Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt noch eine Menge an Spielraum für ein befreiteres Leben. Damit will ich nicht die tatsächlichen Grenzen und Schranken auf Eso-Manier wegdichten, wonach die äußeren Schranken ein Spiegel der inneren wären oder eine vom Universum auferlegte Prüfung für das eigene Seelenwachstum. Aber ich denke, dass wir diesen Schranken am besten begegnen können, indem wir die verinnerlichten Schranken wieder überwinden. Oder andersrum ausgedrückt: Wir werden wohl nie eine äußere Schranke überwinden, wenn wir diese nicht zuerst in unserem eigenen Kopf in Frage stellen. Das nützt natürlich niemandem, der im Knast sitzt oder sonst an einer realen, äußeren Grenze nicht weiterkommt. Aber wenn Du etwas tun willst, von dem Du meinst, dass es verboten ist oder man so etwas nicht tut, dann macht es Sinn, sich klar zu machen, welche unangenehmen Konsequenzen Du tatsächlich riskierst. Wie hoch das Risiko ist, dass diese negativen Konsequenzen tatsächlich eintreten werden, kann man kaum einschätzen, weil das Ganze für einen selbst ja Neuland ist. Man muss es also ausprobieren. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass wir so wenig Stress bekommen beim Wild-Campen.

Und noch etwas: Das eigene Gefühl hilft da mitunter nicht weiter. Ich bin vor einigen Jahren einmal nachts im Dunkeln mit unserem Hund raus gegangen und hab mir einfach über meine Socken die Sandalen angezogen. Das ist eine modische Kombination, für die Menschen in meiner Schulzeit verspottet wurden. In dieser Nacht – es war schon ein bisschen kühl – hab ich gemerkt, wie gut sich das anfühlt. Man hat keine festen Schuhe um sich, sondern nur die leichte Sandale eben. Aber es ist durch die Socken auch schön warm. Fühlt sich super an. Da hat es bei mir Klick gemacht und mir ist klar geworden, dass ich vorher den Unterschied nicht verstanden hatte zwischen: „Das will ich nicht, weil es irgendwie blöd ist – ich mag es halt nicht“ und „Es könnte womöglich angenehm zu tragen sein, aber ich hab es noch nicht ausprobiert, weil ich Angst habe, geringschätzig angeschaut zu werden“. Später hab ich das regelrecht trainiert und bin nasebohrend durch die Stadt – das war in Mödling bei Wien :) – und in der Blümchen-Leggings meiner Schwiegermutter durch den Garten gelaufen.

Was ich sagen will: Das eigene Gefühl ist mitunter sehr trügerisch bei solchen Dingen, weil wir eben die möglichen unangenehmen Konsequenzen nicht mehr rational auf dem Schirm haben, um dann abzuwägen, sondern weil wir diese Normen und Grenzen in der Form verinnerlicht haben, dass wir selbst halt einfach ein ungutes Gefühl bekommen, wenn wir an eine solche Option denken. Oder eben umgekehrt auch ein positives Gefühl haben, wenn wir uns der Norm entsprechend verhalten oder darstellen. Wenn man sich bei uns so umschaut, tragen zum Beispiel fast alle Frauen lange Haare und wenn man sie fragt, wette ich, dass keine sagen wird: „Ich tue das, weil es hier die Tradition ist. Ich könnte sie mir abrasieren, dann hätte ich weniger Arbeit damit, aber ich tue es nicht, weil ich befürchte, sonst blöd angeschaut zu werden und nicht mehr schön gefunden zu werden.“ Sicher nicht. Wie wird die Antwort lauten? „Mir gefällt das so“ :) Diesen Unterschied rauszuarbeiten finde ich eine tolle Sache, die einen wirklich weiter bringt. Das heißt ja nicht, dass man sich nachher die Haare rasieren muss. Aber man verliert eben ein Stück Selbstbetrug und innere Schranken. Aber man wird auch ein Stück weit fremd in der Welt, weil man versteht, dass man sich verkleidet und verbiegt, um keine Nachteile zu bekommen. Und umso mehr freut man sich über Menschen, bei denen man einfach so sein kann, wie es einem gerade taugt. Und bitte: Natürlich mag sich jeder seine Haare frisieren wie er/sie es will. Vielleicht findet es jemand tatsächlich schön – auch nach ehrlicher Überprüfung. Wer weiß? Dazu müsste man sich wohl vorstellen, wie es wäre, in einer Welt zu leben, in der es als Frau völlig verpönt wäre, lange Harre zu tragen (oder Sandalen ohne Socken usw.). Ob das Hirn das zustande bringt?

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