Tiererlebnisse auf der Alm

Ich bin in einem kleinen Dorf in Osthessen aufgewachsen. Etwa 600 Einwohner hatte der Ort damals. Meine Großeltern hatten nicht direkt eine Landwirtschaft, aber sie hatten einen Rüben- und einen Kartoffelacker, 6 Hühner und sie hatten zwei Schweine. Zwei Schweine, die nur einmal während ihres kurzen Lebens aus ihrem winzigen Stall herauskamen, nämlich dann, wenn ihnen der Bolzenschussapparat an den Schädel gesetzt wurde. Das war der Zeitpunkt, zu dem ich das Haus nicht verlassen durfte. Ich durfte die halbierten Schweine, die an der Scheunendurchfahrt baumelten ansehen, durch das Blut stapfen, das den langen Hof hinunterrann, beim Blutwurst kochen durfte ich dabei sein, aber den Moment, in dem sie töteten, was leben wollte, was geatmet hat, was Angst hatte, den mochte man mir nicht zeigen.
In dem Ort gab es noch viele Schweineställe, aber keine einzige Wiese auf die jemals ein Schwein seinen Huf hätte setzen dürfen. Dafür gab es viele gepflegte Bauersgärten, mit englischem Rasen und ohne Unkraut. Die gibt es heute noch.

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Für die beiden Schweine hier auf der Alm am Le Moléson in der Schweiz gibt es keinen Zaun. Ihren Stall können sie aufsuchen und verlassen wie es ihnen beliebt. Ich stehe vor dem Haus und genieße die atemberaubende Aussicht als plötzlich kompakte 100 Kilo auf mich zutraben. Ich möchte flüchten. Je näher das Schwein kommt, desto gewisser werde ich mir, dass ich die einzige von uns beiden bin, die kontaktscheu ist. Sekunden später steht es neben mir und reibt seinen großen Kopf an meinem Hosenbein. Es dauert einen Moment bis ich wieder denken kann und mir klar wird, dass diese rosa Riesin hier nach Streicheleinheiten verlangt. Ihr Rücken ist borstig, aber hinter den Ohren ist sie ganz weich. Ihre Haut ist tatsächlich so rosa, wie man sie malen würde, gesprenkelt mit einigen dunklen Pigmentflecken. Die klaren, kleinen Augen mit den langen weißen Wimpern sind die meiste Zeit von den Ohren verdeckt, nur ab und zu kann ich einen kurzen Blick auf sie erhaschen. Mit ihrem Rüssel stupst sie mich noch mal an, dann geht sie grasen. Als sie währenddessen an unserem Bus vorbeikommt, schubbert sie sich genussvoll an der Stoßstange. Irgendwann verschwindet sie im Stall. Mir kommt der Gedanke, dass sie in wenigen Wochen getötet werden wird. Es ist abstrus und macht mich traurig.
Gegen Abend kommen beide Schweine wild aus dem Stall gestoben, sie hüpfen umher und grunzen laut. Es ist Essenszeit erfahre ich und sie tun kund, dass sie nicht gewillt sind noch länger zu warten.

Auf der Weide hinter dem Haus liegen drei wenige Tage alte Kälbchen zusammengerollt im Gras. Ein braunes und zwei schwarze. Unser älterer Sohn möchte gern hingehen. Wir nähern uns vorsichtig. Eines der schwarzen streckt uns den Kopf entgegen und schaut uns mit seinen großen dunklen Augen an. Wir dürfen es kraulen, die Mutter gestattet es. Sie schaut uns eine Weile zu, dann wendet sie sich ab und grast weiter. Die Mutter von dem braunen Kälbchen, das ganz in der Nähe liegt, beäugt uns weiterhin misstrauisch und geht dann langsam auf uns zu. Wir ziehen uns zurück. Sie geht zu ihrem Kälbchen und schleckt es sanft ab. Dann wartet sie geduldig bis es sich auf seine Beine hochgerappelt hat. Eine ganze Weile sucht es nach einer Zitze, dann trinkt es.

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Am nächsten Nachmittag kommt der Regen und mit dem Regen kommen die Ziegen. Sie mögen es nicht nass und suchen sich ein trockenes Plätzchen im Stall. Auch für sie gibt es hier keine Zäune. Schon bei den ersten Sonnenstrahlen ziehen sie wieder ihrer Wege. Doch vorher strecken sie noch ihre braun-schwarzen Köpfe zum Küchenfenster hinein. Sie genießen es gestreichelt zu werden und legen ihren Kopf schwer in unsere Hände. Fortan sind sie die Lieblinge unserer Söhne. Und werden bei jedem Regen schon sehnsüchtig erwartet.

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Es gibt noch zwei Hühner. Sie picken und scharren den lieben langen Tag um das Haus herum. Das zweitliebste Tier unserer Söhne ist der schwarz weiße Kater. Er sieht immer aus wie frisch gewaschen. Mit den Tagen scheint er sich sogar an unserem jungen Hund zu gewöhnen, für den das hier alles wahnsinnig spannend ist.

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