Schulfrei-Festival 2015

Es ist schon kalt, als ich mit Lucifer unsere Nachtrunde antrete. Fast im Dunklen gehen wir zwischen den Wohnmobilen und Zelten über die Wiese in Richtung der Musik, die von der kleinen Bühne hinter dem Haus zu uns herüber schallt. Dort angekommen stellen wir uns zu den vielleicht 30 Menschen, die sich vor der Bühne zur Musik bewegen. Ein Trio mit Geige, Schlagzeug, Gitarre und Gesang. Die Texte berühren mich und nach einiger Zeit stehen mir die Tränen in den Augen. Noch den ganzen nächsten Morgen bin ich „nah am Wasser gebaut“, wie man so sagt. Was mich so berührt, an diesem Treffen und zuletzt an dieser Musik, ist, dass es andere Menschen gibt, denen es auch so geht, wie mir, wie uns.

Es kommt ja schon mal vor, dass wir Leute über das „System“, den Kapitalismus oder so schimpfen hören. Aber das ist dann doch meist eher so, dass diese Menschen verstanden haben, wie zerstörerisch zumindest einmal der Kapitalismus und einige „Auswüchse“ der Staaten und Regierungen sind für die Umwelt, für die Zukunft, für die Anderen, weit, weit weg auf anderen Kontinenten, in Griechenland und der Ukraine, in Dokumentarfilmen und Flüchtlingslagern. Und so richtig das auch ist, so weit weg sind doch so viele Menschen, zu sehen, wie tief sie selbst in der Scheiße sitzen. „Uns geht es ja noch gut“, „Wir können uns ja noch nicht beklagen“. So weit die Leben auch weg sind von dem, was möglich wäre, womit es den Menschen wirklich gut gehen würde – sie wissen nichts davon und verteidigen die Regeln, nach denen wir hier spielen sollen.

Wir sind auf dem Schulfrei-Festival mitten in einem kleinen Dorf irgendwo zwischen Berlin und Hamburg. Hier treffen sich Menschen, die Ihre Kinder nicht in die Schule schicken – weil diese das nicht wollen und sie keine Gewalt gegen sie anwenden möchten, oder weil sie ihnen von vornherein diese Erfahrungen ersparen wollen. Und auch Menschen, die selbst nie oder nur eine Zeit lang in der Schule waren. Noah und Esra Reichert erzählen beispielsweise in einem Vortrag, wie sie gerade den Realschulabschluss bzw. das Abitur nachgemacht haben und helfen dabei den Mythos vom hohen Bildungsniveau in Deutschland zu zerbröseln. Andere Familien erzählen von Bildung auf Reisen. Uns interessiert unter anderem ein Vortrag über das Auswandern nach England, da wir auch noch nicht wissen, wohin wir unseren Wohnsitz dann verlegen werden, wenn der österreichische Staat unsere Kinder einfordert. In Österreich gibt es zwar keine Schulpflicht, aber eine Bildungspflicht. Homeschooling ist zwar erlaubt, aber nicht Unschooling. Aber das ist ein anderes Thema, über das wir mal gesondert berichten werden. Jedenfalls gibt es hier viel Input und vor allem eben ist es schön, mit Menschen zusammen zu sein, die sich der Anordnung eines Staates widersetzen, gegen ihre eigenen Kinder Gewalt einzusetzen, um diese in die Schule geben.

Natürlich gibt es hier auch viele, die nach wie vor die Institution Staat und die Demokratie an sich nicht in Frage stellen. Aber gerade diese Musik, „Früchte des Zorns“ macht sichtbar, dass wir auch in diesem Punkt hier nicht alleine sind.

Ich weiß nicht, warum so viele Menschen Ihre eigene Unterdrückung und Unfreiheit nicht sehen, sondern nur als diffuse Unzufriedenheit erleben und als Normalität einordnen. Hier aber gibt es Menschen, denen sie bewusst ist, genau wie uns; die darunter Leiden, genau wie wir; die raus wollen aus dieser Scheiße, genau wie wir. Das berührt mich, stärkt mich. Nichts, was man erst lang und breit erklären muss und was dann am Ende doch nicht verstanden wird oder halt als eine Sichtweise unter vielen toleriert und stehen gelassen wird: Ein bisschen radikal halt die beiden. Mit nichts zufrieden. Was machen die denn jetzt schon wieder? Dabei sind wir doch ganz normale Menschen. Hier zumindest werden wir auch als solche wahrgenommen. Hier ist einmal ein Moment, in dem wir uns nicht erklären müssen. Wir schicken unsere Kinder nicht in den Kindergarten, wir werden sie nicht in die Schule schicken1, wir lehnen Erziehung und Pädagogik als Form der Gewalt ab, die weder funktioniert, noch vertretbar ist. Wir leben vegan, wir sind Anarchisten und … das ist hier ziemlich normal.

Danke an die Organisatoren des Schulfrei-Festivals 2015, danke an alle, die da waren, danke an „Früchte des Zorns“.

Hier das Lied „Nichts ist umsonst“ des besagten Trios. Es ist lizenziert unter dieser Creative-Commons-Lizenz:  Creative Commons Lizenzvertrag

Und hier noch ein Lied von ihnen. Auch das und alle übrigen Lieder der Band stehen unter der genannten Lizenz und ihr könnt sie kostenlos von deren Website runterladen.


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  • Der folgende Beitrag gibt einen guten Teil Antwort auf die gestellte Frage, warum so viele Menschen ihre eigene Unterdrückung und Unfreiheit nicht sehen: Yes we camp! Über Schranken im Kopf
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