Katalonien

Wir sind gerade in den Bergen hinter Barcelona. Hier kann man wunderbar wandern. Es duftet süß nach Rosmarin und anderen Gewächsen und wenn nicht gerade der Wind kräftig weht, kann man im T-Shirt umherspazieren. In den letzten zwei Wochen sind wir von Norden kommend ganz langsam die Küste entlang nach Süden gefahren. Wir hatten tolle Schlafplätze direkt hinter dem Strand, z.B. bei L’Estartit oder auf irgendwelchen Hügeln mit Blick aufs Meer zwischen Cadaqués und Roses.

Blick aus dem Bett am Morgen.
Blick aus dem Bett am Morgen.

Dank der Satellitenfotos von Google-Maps haben wir schöne Fleckchen entdeckt. Zum Beispiel fast einsame „Calas“, das sind kleine Sand- oder Kiesstrände inmitten der Steilküste. Ohne Stallitenbilder oder zumindest eine Karte ist es schwer, zwischen den ganzen Touristenzentren irgend etwas Nettes zu finden – zumindest an der Küste. Fährt man kaum mehr als eine halbe Stunde ins Landesinnere, kommt man in ganz normale Dörfer und Städtchen und begegnet keinem Auto mehr mit einem anderen als einem spanischen Kennzeichen.

Sant Feliu de Codines ist eine kleine Stadt mit den hier typischen engen Gassen und kleinen Geschäften. Dort gibt es einen schönen Spielplatz, auf und vor dem wir zwei Tage und Nächte verbracht haben. Er liegt ein ganzes Stück außerhalb der kleinen Stadt mit ihren 6.000 Einwohnern und wird über einen Spazierweg erreicht, der so etwas, wie ein Bürgersteig mit Geländern entlang einer kaum befahrenen Straße ist. Die schlängelt sich an der Bergflanke entlang und man hat immer wieder einen schönen Blick in die Landschaft – einige Berge dort haben nackte Flanken aus rotem Gestein.

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Der Spielplatz ist eine Mischung aus Spielplatz und kleinem Park. Er wurde in der Zeit, in der wir dort waren – wenn man von einer reisenden Schulklasse absieht – fast nur von älteren Menschen besucht. Diese spazieren den Weg von der Stadt herüber, machen im Park eine Pause und spazieren dann wieder zurück. Ich begegne einem älteren Paar und der Mann spricht mich an, ob ich Franzose sei. Er ist klein und stützt sich auf seinen Gehstock. Seine Stimme ist rauh. Seine Frau steht etwas hinter ihm. Sie ist nicht viel größer als er und trägt rötlich gefärbte Haare. Ich antworte, dass ich kein Franzose sei. Ich hätte einen deutschen Pass. – Also bist Du Deutscher. – Nein, das nicht. – Aber was dann? Engländer? Amerikaner? Ich bin Spanier, was bist Du? – Naja, ich habe einen deutschen Pass, aber ich bin kein Deutscher. So geht das ziemlich lange hin und her. Ich spreche nicht gut spanisch und so kann ich mich nur schwer verständlich machen. Und diese beiden alten Leute sind anscheinend in ihrem ganzen Leben noch keinem Menschen begegnet, der behauptet hat, keiner Nation anzugehören. Jedenfalls haben sie es dann irgendwann tatsächlich verstanden.

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Für mich ist die Identifikation mit einer Nation so, als würden sich zwei Sklaven unterhalten. Der eine „gehört“ dem Farmer Baxter, der andere dem Farmer Smith. Und der eine sagt zum anderen: Ich bin ein Baxter, was bist Du? Das ist doch verkehrte Welt. Wir sind alle einfach nur Menschen und irgendwelche Regierungen teilen sich die Welt untereinander in Stücke auf. Dort sagen sie den den Leuten dann, was diese zu tun und was zu lassen haben, wer rein darf und wer wieder raus muss. Und wer sich nicht fügt, dem wird in letzter Konsequenz massive Gewalt angetan.

Aber die Menschen erleben das nicht als Anmaßung, als grobe Missachtung ihrer eigenen Souveränität als Menschen. Sie sind sich nicht im Klaren darüber, dass sie ihre Belange sehr gut alleine und miteinander auf gleicher Augenhöhe und im Konsens regeln können. Vielmehr sehen sie den Staat als Notwendigkeit an. Aber eben noch nicht einmal als notwendiges Übel, sondern obendrein noch als große Errungenschaft („Mehr Demokratie!“), als die eigene Gruppe („Wir Deutsche“), als Teil ihrer eigenen Identität. Natürlich wird man die Gesetzte nicht los, wenn man aufhört, sich mit einer Nation zu identifizieren. Weder Gesetze, noch diejenigen, die sie durchsetzen. Man wird die Steuern nicht los und nicht die Zinsen, nicht die Arbeitgeber und nicht den Zwang, sich auf dem Markt zu verwerten, um leben zu können. Und auch nicht die Tatsache, dieses System selbst jeden Tag ein Stück weit mitzutragen und zu nähren. Aber es macht für mich einen großen Unterschied, ob ich mich mit den Säulen dieses Systems identifiziere oder ob ich sie als das sehen kann, was sie sie: Als Teil der Umwelt, in der ich lebe (und in die ich verstrickt bin). Als etwas, das da draußen existiert, als etwas, was man über mich sagt: So Du bist jetzt Deutscher, ob Du willst oder nicht.

Irgendwann fängt der alte Mann mit „Mätschä“ an. Was zur Hölle heißt „Mätschä“? „No comprendo Mätschä. ¿Que es Mätschä?“ Nach langem hin und her verstehe ich ihn endlich: Gemeint ist die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aber noch immer verstehe ich nicht, was er mir genau sagen will. Das Gespräch geht dann in eine andere Richtung. Wir plauderten noch ein wenig über die Temperaturen, unsere Reise und das spanische Essen. Bevor die beiden weitergehen, lächelt mich der Mann noch einmal mit seinem fast zahnlosen Lächeln an und gibt mir zum Abschied die Hand. Da sagt seine Frau zu mir: „Aber der Mätsche, der gib nicht die Hand!“ Da war ich dann doch sehr froh, so hartnäckig darauf bestanden zu haben, kein Deutscher zu sein.

Hier noch ein paar Eindrücke unserer letzten zwei Wochen:

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