Hundesozialisierung mal anders und Der kleine Dieb

Vor neun Monaten sind wir mit unserem zwei Jahre jungen Hund auf Reise gegangen. Er bellte damals sehr häufig Menschen und fast jeden Hund an. Wenn der schlacksige, schwarze, nicht mehr ganz mittelgroß zu nennende Hund bellend auf fremde Menschen zugerannt ist, um sie dann weiterhin bellend zu umkreisen bis wir ihn eingeholt hatten, hat er sich – wenig verwunderlich – meistens nicht beliebt gemacht, weder bei der gestellten Person noch bei uns. Und wenn er genauso bellend auf andere Hunde zugerannt ist, hat er höchst selten einen neuen Spielpartner erobert. Ganz im Gegenteil hat er es binnen weniger Wochen nach seiner Ankunft geschafft alle Hunde im Dorf gegen sich aufzubringen. So dass sonst gelassene Vierbeiner schäumend Furchen in den englischen Rasen zogen, wenn wir vorbei spazierten. Alle paar Wochen sind wir mal auf ein Hund-Mensch-Gespann gestoßen, bei dem beide, sowohl Hund als auch Mensch das Durchhaltevermögen hatten, sich sein Gekläffe so lange anzuhören bis Lucifer dazu übergegangen ist, einfach nur noch mit dem anderen Hund zu spielen.

Lucifer ist also mit uns, für die sein Bellen sehr oft unangenehm und fast immer nicht erklärbar und auch nicht kontrollierbar war, auf Reise gegangen. Wir hatten den Wunsch ihm ein möglichst freies Leben zu ermöglichen. Aber wie da hin kommen? Noch vor der Reise hatten wir es mit verschiedenen Trainern probiert und hatten auch Erfolge zu verzeichnen. Trotzdem waren wir noch meilenweit entfernt von dem Wunschleben, dass wir unserem Vierbeiner gönnen wollten. Eines dieser Bilder, das uns vorschwebte, war wie Lucifer ganz in Ruhe und unangeleint an einem ihn anbellenden Hund vorbeigeht. Es war ein weit entfernter Traum.

Neun Monate später und 3.000 Kilometer entfernt, hat sich Vieles verändert.

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Wir können morgens die Bustür aufmachen und ihn mit einem OK, das für «Du darfst jetzt aussteigen.» steht, in die «Freiheit» entlassen. Er schaut sich dann erst mal auf dem Platz um, wer schon so wach ist und wo es eventuell was zu betteln gibt – wir haben nicht in allen Bereichen Fortschritte zu verzeichnen. Wenn er einen der vielen anderen Hunde trifft, bellt er nur noch ab und zu, fast immer hingegen findet er einen Spielpartner. Wenn er genug hat, kommt er zurück in den Bus, rollt sich auf dem Fahrersitz zusammen und hält ein Nickerchen.

Ich schreibe darüber, weil ich glaube, dass es sehr viele Menschen mit Hundebegleitung gibt, die sehr ähnliche Probleme haben wie wir sie auch hatten. Und weil eine deutliche Verbesserung zumindest dieses Problems für uns so einfach war.

Wir sind in den Süden Europas gefahren und haben viele Wochen an den verschiedensten Stränden verbracht, an denen so viele andere auch wild campen. Und ein großer Teil dieser Anderen hat einen oder mehrere Hunde dabei. Fast alle diese Hunde bewegen sich frei auf den Plätzen. Im Gegensatz zu den Campingplätzen ist hier weitestgehend ein leben und leben lassen etabliert. Das bedeutet keiner beschwert sich über zu laute Musik, nicht eingehaltene Mittagsruhe, laute Kinder, freilaufende Hunde oder über was man sich sonst noch so aufregen kann, wenn die Arbeitskollegen über die man sich sonst ärgert, so unendlich weit weg sind. Und – oh Wunder – die Menschen nehmen nach meinen Erfahrungen mehr Rücksicht aufeinander als wenn sie sich auf irgendwelche Regeln berufen können. So wird man zwangsläufig entspannter mit den Marotten des eigenen Vierbeiners und die Entspannung überträgt sich bekanntermaßen auch auf den Hund. Die Hundesozialisierung verlief quasi ohne unser Zutun. Lucifer hatte von morgens bis abends Hundekontakt. Er konnte den lieben langen Tag draußen sein. Die ihn umgebenden Hunde waren größtenteils bestens sozialisiert. Und wenn er mal wieder ins Bellen verfiel, haben wir ihn zurückgepfiffen, aber er hatte zwei Minuten später die Möglichkeit wieder Kontakt zu knüpfen. Die Menschen, die er manchmal angebellt hat, wollten nicht gleich das Ordnungsamt anrufen und selbst Mütter mit Kleinkindern waren in aller Regel tiefenentspannt.

Was genau es war, warum die Hundesozialisierung für uns funktioniert hat, traue ich mich nicht zu beurteilen, dazu fehlt mir das fachliche Wissen. Es geht mir hier auch nicht darum dieses Miteinander in den Himmel zu loben, sicherlich ist es für manche Menschen unglaublich anstrengend beziehungsweise ausgeschlossen solche Plätze aufzusuchen, weil es mit ihrem Hund mit so vielen anderen frei laufenden Hunden einfach nicht funktionieren würde.

Aber wer wie wir einen eigentlich freundlichen Hund hat, bei dem es mit der Hundesozialisierung trotzdem ziemlich holprig geht, für den bestünde die Möglichkeit sich im Winter mal für zwei, drei Wochen in den Süden zu verdrücken, wunderschöne Strände, angenehmes Klima und buntes Treiben zu genießen und dabei vielleicht einen Meilenstein auf dem Weg der Hundesozialisierung zurückzulegen.

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Definitiv keine Fortschritte haben wir beim Thema betteln gemacht. Allerdings ist unser Ehrgeiz hier auch nicht sonderlich ausgeprägt. Vor kurzem unterhielt sich Bastian mit einem älteren Ehepaar, das auf dem gleichen Parkplatz wohnte wie wir, als Lucifer dazu kam. Daraufhin stellten sie ihm die klassische Frage, auf die man eigentlich lieber vor dem Antworten den Grund der Frage erfahren würde «Ist das Dein Hund?» Da die Frage aber eher beiläufig rüberkam und die Stimmung wie schon beschrieben hier eine andere ist, nahm er all seinen Mut zusammen und sagte: Äh, ja. Sie erzählten ihm dann die folgende Geschichte: Die beiden hatten sich ihr Mittagessen aufgetan und sich vor ihren Wohnwagen begeben um es dort in der Sonne mit Meerblick zu verspeisen. Aus einem uns unbekannten Grund ließen sie ihre Teller für kurze Zeit auf dem draußen aufgestellten Tisch zurück und begaben sich noch einmal in den Wagen. Was nun passierte, kann sich jeder denken. Es gab keine Zeugen und der Übeltäter wäre nicht identifiziert worden, hätte er nicht immer noch dort gesessen als sie wieder heraus kamen und nach mehr verlangt. Die beiden hatten glücklicherweise ausreichend Humor und selbst einen Hund, von dem sie Einiges gewöhnt waren. – Wir hatten ihn kurze Zeit vorher dabei beobachtet wie er draußen angebunden und für kurze Zeit allein gelassen, den Tisch anpinkelte. – Das einzige jedenfalls, was sie Lucifer verpassten, war ein Kosename: «The little thief.»

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