Grazalema, Andalusien Ein Fußbad unter Geiern

Wir stehen seit zwei Tagen mit drei Kleinbussen auf dem Parkplatz gegenüber eines Friedhofs mit einer kleinen Kapelle am Ortseingang von Grazalema. Dies ist der Ort Spaniens, in dem es am meisten regnet, erzählen uns unsere Freunde. Schwer vorstellbar, dass der nun ausgerechnet im Süden Andalusiens liegen soll, aber es ist auffallend grün hier. Tatsächlich liegt die jährliche Niederschlagsmenge bei 2132 l/m² im Jahr, das ist knapp drei Mal so viel Regen, wie in Hamburg. Grazalema ist eines der weißen Dörfer Andalusiens und liegt auf 812 Metern inmitten einer wunderschönen Bergkulisse, der Sierra de Grazalema. Die Nächte sind kalt und jeden Morgen kreisen die buitre leonardos über uns. Das bedeutet löwenartige Geier, auf Deutsch heißen sie Gänsegeier und in diesem Gebiet lebt eine der europaweit größten Brutkolonien. Sie werden bis zu 110 cm lang, haben eine Spannweite bis 269 cm und können bis zu 11,3 kg wiegen. Beruhigenderweise ernähren sie sich ausschließlich von Aas.

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Wir haben es uns gemütlich gemacht. Neben unserem Bus parkt der gesammelte Fuhrpark unserer Söhne. Kinderwagen, Traktor, Laufrad und der kleine rote Plastikroller. Jeden Abend, wenn alle wieder von ihren Unternehmungen zurück sind, kocht jeder irgendwas für das gemeinsame Essen. Dann werden alle Stühle und Tische zusammengestellt und wir essen und sitzen gemeinsam draußen bis es irgendwann zu kalt wird um noch länger gemütlich zu sein. Sechs große Menschen, zwei kleine Menschen und drei Hunde, die ausnahmslos jeden Passanten lautstark bellend begrüßen. Zusammengefasst könnte man sagen, dass wir hier nicht gerade unauffällig campen.

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Wenn man den Innenhof der sehr gepflegten, kleinen Kapelle betritt, geht man direkt auf die offenstehende Tür der Kapelle zu. Drinnen brennen immer die obligatorischen roten Kerzen. Rechts geht es durch ein weiteres kleines Tor zum Friedhof. Links gibt es ein Wasserbecken und eine Mülltonne. Wir holen hier unser Brauchwasser und entsorgen unseren Müll. Ich versuche diese Aktion meist in die Mittagsruhe zu legen, weil ich mich nicht wohl dabei fühle das hier zu tun. An diesem Mittag gehe ich mit unserem älteren Sohn und zwei Kanistern über die kleine Landstraße zur Kapelle. Chuli, so nennt unser älterer Sohn sie, sitzt auf dem Rand des Wasserbeckens und wäscht sich die Füße. Sie fühlt sich jedenfalls nicht unwohl, denke ich und beneide sie drum. Sie rückt ein Stück zur Seite, so dass ich unsere Kanister auffüllen kann.

Dann betritt eine ältere Frau den Innenhof der Kapelle. Sie schaut zu uns herüber, bleibt kurz stehen und steuert dann auf uns zu. Nein, es ist nicht das Weihwasserbecken, aber trotzdem würde ich uns am liebsten in Luft auflösen. Mein Sohn sieht das anders, er hat sich in der Zwischenzeit komplett ausgezogen und verkündet, dass er jetzt mit Chuli baden möchte. Mit einem Mal bin ich ausgesprochen froh darüber, dass mein Spanisch nicht so gut ist und Chuli als Spanierin das mir vorschwebende Gespräch wohl führen wird.

„Gehört Ihr zu den Bussen drüben auf dem Parkplatz?“ Oh, jetzt wird gleich komplett aufgeräumt denke ich. Aber alles kommt ganz anders.

„Woher seid Ihr?“ Aus Kantabrien, aus Málaga und aus Deutschland antwortet Chuli und zeigt auf mich. „Aus Deutschland! Oh, ich war auch schon mal in Deutschland. Das ist aber schon lange her. In Berlin war ich, als Hausmädchen.“ Es folgt eine lange Geschichte und ich würde sagen, „… aber davon vielleicht ein anderes Mal….“, doch so spannend war sie dann auch wieder nicht.

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