Das sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge…

Wir sind angekommen, im südlichsten Zipfel Europas. Zugegeben schon vor einer ganzen Weile.
Wenn ich morgens die Rollos unserer Kofferraumtüren hochziehe, sehe ich Sandstrand, Meer und, wenn nicht gerade ganz schlechte Sicht ist, die Küste Marokkos. Wenn ich die Seitenrollos hochziehe, sehe ich je nach Wochentag und Parkplatz zwischen 10 und 50 andere Wildcamper. Die Anderen, das sind Familien, Surfer, Weltreisende, Wochenend- oder Tagesausflügler, den Winter im Warmen verbringende Nord- und Mitteleuropäer… es ist bunt gemischt. Das man campt, versteckt hier niemand und es stört sich auch niemand daran. Auch nicht die Polizei. Ab und zu wird obligatorisch mal einer der vielen Parkplätze geräumt, aber auch das verläuft sehr entspannt.

kindervorwelle

landebahn

Auch gibt es einen wunderschönen Pinienwald direkt am Meer, in dem wir öfter unsere Tage verbringen. Dort standen wir vor kurzem auch mit Bekannten am Strand als 100 Meter weiter vorn ein kleines Motorboot anlandete. Unser erster Gedanke war, dass es ein Schmugglerboot wäre. Davon kämen hier recht viele an, wie man uns erzählte. Weshalb man auch so viele junge Männer, von denen man Derartiges gar nicht vermuten würde, kilometerweite Strandspaziergänge machen sieht. Wenn die Boote nämlich von Polizeihubschraubern aufgestöbert werden, dann werden die Lieferungen schnell ins Meer geworfen und stranden dann mit der nächsten Flut an der Küste an.
Es war aber kein Schmugglerboot, beziehungsweise im Grunde war es schon eines. Am Strand angekommen, sprangen in Windeseile etwa 10 Menschen ins Wasser, das Boot wendete und raste davon. Die Menschen kämpften sich zum Land vor und rannten in den Wald. Sie haben es geschafft, haben ihr Ziel erreicht. Dieses vorläufig glückliche Ende einer Flucht zu beobachten, hat mich sehr bewegt. Und mich mal wieder an ein Buch zu diesem Thema erinnert, das ich jedem empfehlen kann, der gern eine Antwort parat hätte, wenn er wie wir ein paar Tage nach diesem Erlebnis Sätze wie: «Das sind ja NUR Wirtschaftsflüchtlinge» oder «Nach Europa zu kommen ist auch keine Lösung» zu hören bekommt.

Bis an die Grenzen: Chronik einer Migration von Fabien Didier Yene

 

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